Eröffnungs-Rede 8.2.18, Birger Menke


Rede gehalten in der galerie postel zur Eröffnung der Ausstellung: Personalbefragung/Blickraum Innere Sicherheit

Birger Menke, Journalist, 8.2.2018

Liebe Claudia Postel, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Katharina Kohl,

ich freue mich, heute Abend hier sein zu dürfen, liebe Frau Postel, vielen Dank für die Einladung.

Ich möchte mit dem beginnen, um das es hier geht. Damit wir alle wissen, wovon wir hier reden, was der Grund ist für die Kunst, die uns hier zusammengebracht hat.

Enver Simsek hielt sich am 9. September 2000 in seinem Transporter auf, den er an einem Straßenrand in Nürnberg abgestellt hatte, als – davon ist auszugehen – Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hineinkamen und ihn töteten. Vier Schüsse in den Kopf. Drei trafen ihn, als er bereits auf dem Boden lag.

Enver Simsek war bereits im Krankenhaus, als Adile Simsek erfuhr, dass auf ihren Mann geschossen wurde. Ein Moment, vor dem wir uns alle fürchten: Ein Anruf, und innerhalb von Sekunden ist der Halt verloren, ist die Welt verloren.

Adile Simsek eilte zu ihm und sah ihren sterbenden Mann.

Sie durfte nicht lange bleiben: Polizisten kamen, sie musste aufs Revier zur Vernehmung. Dealte Enver? Hatte er eine Geliebte? Fragen zu ihrem Mann, der eben noch lebte, der nun im Sterben lag.

Enver Simsek wurde in der Türkei beerdigt. Nach Auskunft der Anwältin von Simsek wurde auch dort das Handy der Witwe abgehört, monatelang musste sie noch Fragen beantworten, immer wieder: Drogen? Kriminelle Netzwerke? Eine Affäre?

Simseks Sohn Abdulkerim hat vor kurzem im NSU-Prozess gesagt, dass er, bis Ende 2011, bis zur Aufdeckung des NSU, niemandem erzählt habe, dass sein Vater ermordet wurde. „Ich habe es vor allen geheim gehalten.“ Mit dem Verlust verband sich für die Angehörigen der Verdacht.

Der Sohn sagte, er sei erleichtert gewesen, als 2011 herauskam, dass sein Vater von Nazis ermordet wurde.

Das muss man sich vorstellen.

Nach allem was wir bisher wissen, ist der NSU für neun Morde und drei Sprengstoffanschläge verantwortlich. Alle Taten, wenn man den Mord an einer Polizistin in Heilbronn einmal ausklammert, haben zwei Dinge gemeinsam: 1. Das Motiv war Rassismus. 2. Im Fokus der Ermittler war dies nicht.

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Das Versagen von Ermittlern im Zusammenhang mit dem NSU wird oft institutioneller Rassismus genannt. Die Opfer waren Migranten, niemand leugnet heute mehr, dass dies der Hauptgrund war, weshalb die Behörden lange eine Spur im Drogenmilieu suchten, in der organisierten Kriminalität.

So heißt es oft in der Sprache der Nachrichten: Die Behörden suchten, ermittelten. Doch was bedeutet das? Suchen Behörden nach einer Spur? Stellen Behörden Hypothesen auf? Befragen Behörden Witwen von Mordopfern?

Nein, das tun sie nicht. Es sind Menschen: Polizisten, Staatsanwälte, Profiler, Experten der Forensik, Staatssekretäre, usw.

Es sind unzählige Menschen mit den Taten befasst gewesen, die lange als „Döner-Morde“ bekannt waren, womit – das will ich keinesfalls verschweigen – eine weitere Berufsgruppe eingeführt ist: Journalisten. Und eben nicht „die Medien“: Journalisten.

Und unzählige Male wurden falsche Entscheidungen getroffen.

Die Ermittlungen zu dieser Mordserie hat auf schmerzhafte Weise deutlich gemacht: Wenn wir den Schutz unserer Freiheit dem Staat anvertrauen, gründen wir dieses Vertrauen nicht nur auf die Gesetze, die diesen Schutz garantieren. Sondern ganz maßgeblich auf die Menschen, die diese Gesetze anwenden.

Wie sollen wir damit umgehen, wenn wie im Fall NSU Menschen diesen Schutz nicht gewährleisten konnten?

Für uns Journalisten ist die Antwort: Wir versuchen, aufzuklären. Wir versuchen Fragen zu beantworten: Wer? Warum? Es geht darum, Verantwortliche zu benennen und ihre Verantwortung zu erklären.

Nun gelingt das nicht immer. Gerade im NSU-Komplex ist vieles bekannt und zugleich nicht geklärt. Akten wurden vernichtet – warum tat jemand das? Frühe Hinweise auf ein rechtes Netzwerk NSU wurden wahrgenommen aber nicht weiter verfolgt. Warum nicht? Und zum Tathergang selbst: Wer wusste noch von den Morden? Wer half mit?

Es bleiben Leerstellen, und manche Menschen tun vieles dafür, sie zu besetzen: Verschwörungstheorien gibt es zum Fall NSU en masse.

Sie geben vor erklären zu können, was Ermittler und Journalisten noch nicht klären konnten, oder: Sie stellen den auf Fakten basierenden Ermittlungs- oder Recherchegebnissen eine andere Version entgegen.

Böhnhardt und Mundlos starben durch Tötung auf Verlangen bzw. Suizid? Da muss ein dritter Mann gewesen sein – und der war bestimmt ein Ermittler.

Sie füllen die Leerstellen mit ihrem Raunen, auf dass sich ein Netz entspinnt, das alle Fragen zu beantworten scheint: Der tiefe Staat hat jahrelang eine rechte Terrorzelle gedeckt, womöglich auch noch geschützt von staatshörigen Journalisten. Die Verschwörungstheorie.

Alternative facts – alternative Fakten sind keinesfalls eine neue Sache. Gerade im Fall NSU mit seinen vielen Skandalen nährt sich die Wirkkraft von „alternativen Fakten“ durch das Misstrauen in den Staat, weil einzelne Beamten Fehler begangen haben.

Auch deshalb ist die Frage so wichtig, die – wenn man so will – uns heute zusammengebracht hat: Wie umgehen mit all den Fehlern von Ermittlern? Wie umgehen mit dem Wissen, dass der Staat seine Kernaufgabe nicht erfüllt hat: Dem Versprechen, seine Bürger zu schützen?

Ich habe einen Weg bereits angesprochen: Die größtmögliche Aufklärung des Versagens, um daraus auch abzuleiten, wie es künftig zu verhindern ist. Dies geschieht unter anderem in Untersuchungsausschüssen und durch die Recherche von Journalisten.

All das ist notwendig – und wird zugleich keine vollständige Aufklärung liefern. Und das aus zwei Gründen.

Beide führen uns zu Katharina Kohl:

Den einen hat sie mit einem Kniff sichtbar gemacht: Sie hat Protokolle aus den Ausschüssen fast komplett geschwärzt. Es bleiben einzelne Sätze der Befragten:

Das ist mir jetzt nicht im Gedächtnis“,

ich habe daran jetzt keine vertiefte Erinnerung mehr“,

kann ich mich spontan jetzt nicht erinnern“.

Ich habe Katharina Kohl nicht gefragt, aber ich glaube, sie brauchte, um die Stellen in den langen Protokollen zu finden, kein Suchprogramm, in dem sie etwa „erinnern“ eingegeben hätte. Ich bin mir sicher, sie ist auf die Stellen gestoßen, als sie die Protokolle las. Satz für Satz.

Was wir hier heute ansehen können ist das Ergebnis einer beeindruckenden Recherche, einer enormen Hartnäckigkeit.

Katharina Kohl schickte mir zur Vorbereitung auf den heutigen Abend noch das Protokoll eines Untersuchungsausschusses – „sehr lesenswert“ -, in dem ein Bundesanwalt berichtete, wie die Bundesanwaltschaft in Sachen Ceska-Mordserie aktiv geworden sei, sechs Jahre nach dem ersten Mord: Anlass seien Medienberichte gewesen, die die entsprechende Abteilung auf die Idee brachte, man könnte doch mal zu prüfen beginnen.

2012 begann Katharina Kohl, sich mit den Menschen zu beschäftigen, die sich in den Sicherheitsbehörden mit den Taten befassten, die, wie wir heute wissen, Taten des NSU waren. Verstört von Auftritten wie dem eines Chefs des Verfassungsschutzes, der zu den Fehlern seiner Behörde nichts Besseres zu sagen wusste, als: „Damit muss man leben.“

Katharina Kohl vertiefte sich in diese Personen: Sie studierte Videomaterial Fotos, Artikel, Aussagen, Protokolle, versuchte so, Stück für Stück den Personen nahe zu kommen. Sie fuhr auch zu Untersuchungsausschüssen, alles um zu verstehen, wer eigentlich für unsere Sicherheit verantwortlich ist.

Möglichkeiten hatte sie genug: Selten wurde so sehr offengelegt, wer hinter den Behörden steht, wer dort arbeitet und auch wie, wie im Zuge des NSU-Skandals.

Wer nun denkt, dass es hier um eine Künstlerin geht, die eigene Antipathien mit Informationen immer mehr füttert, um diesen Antipathien dann in Kunstwerken Ausdruck zu verleihen, irrt.

Katharina Kohl hat auch Menschen wie einen Profiler porträtiert, der schon früh die These aufstellte, es könnte sich um die Taten von Rechtsextremisten handeln.

Nein, wer mit ihr über diese Menschen spricht, lernt nicht nur ihr enormes Wissen kennen, sondern auch ihre Perspektive: Nicht verurteilend, sondern neugierig auf jeden einzelnen Menschen. Was für eine Person steckt hinter dem Amt? Wie denkt sie, wie fühlt sie, wie trifft sie ihre Entscheidungen? Wohlüberlegt? Intuitiv? Personalbefragung hat sie ihre Porträtserie genannt.

Sie arbeitet sich vor zum Innersten jener Behörden. Und arbeitet es heraus in ihren Porträts, die ihrerseits den Betrachter herausfordern: Er soll sich mit diesen Menschen auseinandersetzen. Und ihre Präsenz auf sich wirken lassen.

Denn Katharina Kohl interessiert an Menschen, die sie porträtiert, wie sie den Raum verändern, so beschreibt sie es: Wenn jemand in einen Raum kommt, verändert er diesen. Manche sofort und weitgreifend. Manche nur sehr wenig, kaum spürbar. Sie fand diese nuancierte Präsenz im Werk des Velazquez, mit dem sie sich intensiv auseinandergesetzt hat.

Wenn Sie sich nun also heute diese Porträts näher betrachten – sie können sich die Verfassungsschützer durch die Installation ja zur Brust nehmen – sollten Sie sich einen Moment Ruhe gönnen, die Porträts nicht nur im Detail studieren, sondern als Ganzes auf sich wirken lassen.

So besetzt das Werk von Katharina Kohl einen Raum, den Recherche und Ausschüsse nur zum Teil füllen können: Seine Erkenntnis sind nicht Daten und Fakten, es sind die Persönlichkeiten:

Ist da ein Karrierist, der womöglich Posten verteilt nach dem Kriterium, wer ihn nicht gefährden kann? Spielt Kompetenz und soziale Intelligenz eine Rolle, geht es also rein um das Fachliche? Ist da jemand mit einem regen Gewissen, das in alle Entscheidungen Moral einfließen lässt? Wie ist sein Kalkül? Wie viel Mut hat der Mensch? Wieviel Schwäche lässt er zu?

Es sind Eigenschaften eines Menschen, die sich einem objektiven Urteil entziehen. Die aber sein Verhalten bedingen, das wiederum sehr wohl nach objektiven Maßstäben – etwa dem Strafrecht – bewertet werden kann.

Eigenschaften, die mit Worten zwar beschrieben werden können, die wir letztlich aber vor allem intuitiv erkennen, indem wir erfahren wie Personen auf uns wirken. Und diese Erfahrung will uns Katharina Kohl ermöglichen.

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Die angebliche Erinnerungslosigkeit war der erste Grund, der eine vollständige Aufklärung des Behördenversagens unmöglich macht, dies ist also der zweite:

Untersuchungsschüsse können eine Menge leisten in Sachen Aufklärung, sie können Verantwortung klären und Strukturen ergründen, die falsche Entscheidungen begünstigten. Sie können aber nur bedingt die Persönlichkeiten derjenigen analysieren, die Entscheidungen trafen. Wer bekleidet diese Ämter? Wer übernimmt diese große Verantwortung? Wie denken die Menschen, wie stehen sie in der Welt? Welche Rolle spielt ihr Gewissen?

Man könnte das Schaffen von Katharina Kohl auch Grundlagenforschung nennen: Die Erforschung der Grundlagen behördlicher Entscheidungen, die sie als Entscheidungen von Individuen entlarvt.

Ich wünsche Ihnen heute Abend anregende Gespräche und spannende Begegnungen mit den Menschen, denen Katharina Kohl nachgespürt hat und auf die sie unsere Blicke lenkt.

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